Der Landtag debattiert über das freiwillige Engagement in MV und die Engagement-Strategie des Landes. Ich habe mich persönlich dafür eingesetzt, dass die Regierung in einer Strategie einen Überblick über die Förderung von Engagierten einen Überblick für alle fachlichen und allgemeinen Förderer erstellt und offenlegt, wie sie das freiwillige Engagement zukünftig fördern möchte. Das nun veröffentlichte Strategiepapier sollten alle, die damit zu tun haben, unbedingt lesen!

Ministerpräsidentin Schwesig ließ es sich nicht nehmen, in einer aktuellen Stunde das freiwillig Engagement besonders zu würdigen. 

Meine Rede zur Engagementstrategie bezieht sich auf spezifische Weichenstellungen zur gewachsenen Engagementförderung, über die wir politisch diskutieren müssen. Hier können Sie die Rede auf YouTube ansehen. Unten auf dieser Seite können Sie meine Rede nachlesen.

Hier finden Sie die Engagementstrategie des Landes MV.

Hier finden Sie die Engagementstrategie der Bundesrepublik Deutschland.

Auf meiner Webseite habe ich Links zu Förderprogrammen zusammengetragen.

 

 

Engagementstrategie MV - Gemeinsam den Wandel gestalten

Landtagssitzung am 29. Januar 2026

Sehr geehrte Frau Präsidentin,
Sehr geehrte Damen und Herren,
Werte Engagierte!

„Was waren die ersten Anzeichen von Zivilisation bei der menschlichen Rasse? Was unterscheidet uns von den Tieren?“ so oder so ähnlich fragte eine Studentin ihre Professorin, die Ethnologin und Psychologin Margaret Mead. Die antwortete: „Ein geheilter Oberschenkelknochen.“ nicht etwa Feuer, Werkzeuge, das Rad, Sprache… Denn ein solcher Knochen braucht sehr lange, um zu heilen. Der Kranke würde verhungern und verdursten, wenn sich nicht andere Personen um ihn kümmern würden. „Gemeinsam ist man stärker!“ das haben die ersten Menschen erfunden. Dazu gehören Mitgefühl, Fürsorge, Füreinander einstehen, was abgeben, also Teilen, sich selbst nicht wichtiger nehmen als den anderen, einander helfen, Gemeinsinn. An diese Anekdote von Margret Mead denke ich, wenn Holocaust-Überlebende wie Margot Friedländer fordern: Behandle andere wie Menschen, sei a Minsch, sei ein Mensch!
 

1. Warum ist freiwilliges Engagement so politisch? Und warum reden dabei alle von Demokratie?

Es ist die Frage, die sich jede und jeder alle Morgen selbst beantworten muss: Willst Du Teil der zivilisierten Menschheitsgeschichte sein und Gesellschaft mit Dir und anderen gemeinsam gestalten – oder willst Du Dich vor allem nach dem Recht des Stärkeren um Dich selber kümmern? Besser Teil der Zivilgesellschaft sein! Die beginnt bei Güte und Großmut und manchmal auch Mut im Alltag. Ehrenamt beginnt zuallererst mit Ehre und Anstand in einer Gesellschaft von Menschen auf Augenhöhe.

Darum wird im Zusammenhang mit freiwilligen Engagement auch so viel über Demokratie gesprochen. Denn eine Gesellschaft von Gleichen unter Gleichen, die einander in Würde begegnen und miteinander solidarisch umgehen und das Gemeinwesen gemeinsam gestalten, das ist die Grundlage unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung: Einigkeit und Recht und Freiheit. Nur wenn alle drei gelebt werden, bleibt unsere Gesellschaft eine demokratische.
 

2. Was ist drin in der Engagement-Strategie?

Alles, was man über freiwilliges Engagement in MV wissen muss, steht in der Engagement-Strategie. Ich habe sie gelesen und bin begeistert. Da haben die Fachleute im Sozialministerium, in den Behörden, die Engagierten im Arbeitskreis und auch die Leute in den Institutionen, die ihre Rückmeldungen gegeben haben, ganze Arbeit geleistet. Sie haben erstens den Stand der Forschung zusammengetragen, sie haben zweitens Handlungsfelder für die staatlichen Institutionen beschrieben und die Weiterentwicklung einzelner Maßnahmen vorgeschlagen und sie geben drittens einen Überblick über „engagementfördernde Einrichtungen“ im Land ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Da waren Fachleute am Werk, da ging es um die Sachfragen. Wir hier diskutieren jetzt politisch darüber. 
 

3. Politisch und fachlich drüber diskutieren

Politisch heißt mit einem bestimmten Ziel und auf Grundlage bestimmter Wertvorstellungen um die Gestaltung unserer Gesellschaft gesittet streiten. Die eine Partei setzt hier Schwerpunkte, die andere Partei setzt woanders Schwerpunkte, die dritte kriegt das mit der freiheitlich-demokratischen Grundordnung schon nicht hin. Manchmal ist Politik eben Kindergarten. Und das kann aber nicht dieses Dokument von Fachleuten schlecht machen. 

Es geht darum, wie wir uns Gesellschaft der Zukunft vorstellen, in der sich Leute noch lieber und leichter füreinander engagieren können – eben einander Menschen sind. Ich selbst diskutiere das aus der Perspektive der Sozialdemokratie: Es geht für uns um Solidarität, einen dem Gemeinwesen verpflichteten Besitz und faire Chancen für alle als Grundlage für das gesellschaftliche Zusammenleben. Darum ist Engagementförderung auch ein Thema, das zur DNA der SPD gehört. 

Ich will einige ausgewählte Handlungsfelder aus der Engagement-Strategie weiterführend diskutieren. Da müssen wir politisch mal drüber reden. Die Ministerin wird in der folgenden Rede die Hauptinhalte der Engagement-Strategie im Detail vorstellen.
 

4. Diskussion einzelner ausgewähler Handlungsfelder in der Engagementstrategie MV

4.1 Zur Förderung

Oftmals öffnen Privatleute ihr Portemonnaie für ihr Engagement und das ist in Ordnung. Engagement darf was kosten, man muss nicht alles irgendwo beim Staat abrechnen. Andererseits: die Kosten dürfen nicht verhindern, dass sich jemand sein Ehrenamt und sein Engagement nicht leisten kann. 

Manchmal wird mir als Sozialdemokratin die Forderung nach finanzieller Unterstützung vom Staat aber zu laut. Ich will das am Beispiel der überhöhten Waschbärenpopulation erläutern: Soll deren Abschuss finanziell unterstützt werden oder gehört es nicht schlicht zur Verantwortung der Jägerinnen und Jäger – zur Hege nach Waidgerechtigkeit –, dass sie in ihren Revieren die Populationen regulieren? Im Landesjagdverband sehen das die engagierten Naturschützer unter den Jägerinnen und Jägern eher wie Letzteres – und das sind ja eigentlich alle in diesem anerkannten Naturschutzverband – und rufen zum Engagement für die Niederwildjagd und dabei insbesondere für die Regulation des Raubwildes auf. Am Wochenende war ich beim Neujahrsempfang der Jägerinnen und der zuständige Obmann für Niederwildjagd konnte für sein Anliegen begeistern, insbesondere auch das Raubwild stärker zu bejagen. Es ist ja verständlich, dass da niemand böse drum ist, wenn es da Geld mitzunehmen gäbe. Aber doch: Die Regulation der Waschbärpopulation ist Ehrensache der Jägerinnen und Jäger.

Ein zweites Beispiel zu Engagement und Geld. Gerecht sollte es bei den Finanzen zugehen. Ich frage mich da schon: Warum können die einen 38 Cent pro Kilometer bei der Steuererklärung geltend machen, während Leute, die so arm sind, dass sie keine Steuern zahlen, maximal 30 Cent pro Kilometer erstattet bekommen? Das geht besser.

4.2 Ehrenamt braucht Hauptamt – manches Hauptamt bestreitet sein Einkommen davon, dass Ehrenamtliche entsprechende Strukturen anbieten – das trägt manchmal Blüten

Fährt man zu den Vernetzungstreffen der engagementfördernden Strukturen, fällt mir auf, dass es da wohl ein ganz neues Berufsfeld „Engagementförderung“ gibt: Förderberatung, Organisationsberatung, Vernetzungstreffen, vor allem aber Projekte mit Engagierten… Wie weit soll das gehen? Es gibt Engagierte, dann Leute die Engagierte vernetzen, dann Fördermittel für diese Vernetzungsstrukturen, die wiederum Verwaltung brauchen, dann gibt es auf Bundesebene Beratungsleute für diese Vernetzungsleute und dann noch Firmen, die die Fördermittelvergabe und die damit verbundenen Strukturen evaluieren, die ja auch wieder finanziert werden müssen… Leute, das trägt manchmal auch Blüten. 

Es gibt gewachsene Strukturen und tatsächliche Bedarfe. Es tut Not, Lieblingsprojekte kühl zu betrachten, auch mal welche aufzugeben – aber beachtet, dass dabei nix kaputtgeht. Von der Auflösung des Landesheimatverbandes vor über 10 Jahren haben sich die Heimatengagierten bis heute noch nicht wieder erholt, wenn es um Vertrauen in staatliche Institutionen geht. 

Die Gretchenfrage dabei lautet:

Was stabilisiert ein dynamisches Feld von ehrenamtlichem Engagement und was braucht das Ehrenamtliche Feld als Basis für die eigene berufliche Existenz, ohne dass die Engagierten direkt und effektiv profitieren? 

Angesichts der klugen Engagementstrategie mache ich mir keine Sorgen, dass kluge Leute das im Blick haben.

4.3 Ruf nach weniger Bürokratie: Verein oder lose Initiative?

Und wie ist das eigentlich mit der Organisation von Engagement und der Bürokratie beim Vereinswesen? Braucht man die eher formalen Vereinsstrukturen oder reicht nicht ne lose Initiative? Beides ist möglich, beides hat je nach Umfeld Vor- oder Nachteile. 

Um der Transparenz willen, ist oftmals eine rechtsförmige Struktur nötig, wenn z.B. öffentliche und gespendete (Förder-)Gelder zu verwalten sind. Eine freie Initiative braucht dann oft eine unterstützende Kommune oder einen Trägerverein, der sie mitträgt. Oft scheuen freie Initiativen die leidige Bürokratie, die so ein Verein oder Ähnliches mit sich bringen. Ich persönlich sehe Vereinsstrukturen als Übungsfelder für formale demokratische Prozesse. Und da gehört Bürokratie zur Transparenz dazu. Ich verstehe jeden und jede, die das müßig finden. 

Freiwilliges Engagement ist leider nicht nur alles was Spaß macht. Zu den Mühen der Ebene gehört auch der Schreibtisch. Beschwerden über Bürokratie kommen oft dann, wenn jemand nicht weiß, wie es geht und nicht weiß, woher er das wissen bekommen kann.

In diesem Zusammenhang will ich aber auch auf die Probleme von freien Initiativen hinweisen: Genügt nicht die Kommune als Ansprechpartner, die dann schon irgendwie ihre Leute unterstützt? So ja die Forderung am Mittwoch bei der Aussprache eines Nossendorfer Kommunalpolitikers, der für die AfD dort versucht, Politik zu machen. Nun saß ich gerade am Dienstag in Nossendorf mit Engagierten zusammen, die in ihrer Kommune nun nicht gerade auf Unterstützung stoßen, wo die AfD mit 50% schon alles beherrschen und die Schwarz-Weiß-Rote-Flagge durch ein AfD-Partei-Fähnlein am Ortseingang ausgetauscht wurde. 

Aufgabe von Politik und Verwaltung – egal ob Kommune oder Land – ist das Ermöglichen. Die Engagementstrategie dekliniert das Vorwärts und Rückwärts durch, wie Engagement in unserem Land besser ermöglicht werden kann.


5. Engagement-unterstützende Strukturen

In ihrem letzten Abschnitt bietet die Engagementstrategie einen Überblick über die aktuellen Unterstützungsmöglichkeiten. Hier ist es der größte Wurf, dass das über den Zuständigkeitsbereich des Sozialministeriums hinaus geht, was für die Maßnahmen in den Handlungsfeldern bedingt der Fall ist. Freiwilliges Engagement braucht Engagementförderstrukturen genauso wie fachliche Beratung und thematische Netzwerke, die oft in den Fachbereichen angebunden und organisiert sind. Hier wäre es klug, wenn interministeriell die Bedarfe und auch gelingende Strukturen noch besser kommuniziert werden und strukturelle Vernetzung mitbedacht wird. Das machen Sie meines Wissens, auch wenn es nicht so explizit im Strategiepapier steht. Hier sehe ich ein weiteres Handlungsfeld für die Exekutive.

Ich komme zum Schluss:
 

6. Die Engagementstrategie MV ist ein wichtiges Arbeitspapier!

  • Lesen Sie die Engagementstrategie!
  • Staunen Sie gemeinsam im Verein oder in der Initiative darüber, was Sie noch nicht wussten, was der Staat für Ihr Engagement alles leistet!
  • Staunen Sie, wie selbstkritisch der Staat in den Handlungsfeldern mit den Maßnahmen umgeht und wie er sich… wie er sie anpacken will.
  • Nutzen Sie die Unterstützungsstrukturen!
  • Schlagen Sie Preisträger:innen vor!
  • Vernetzen Sie sich!

Die Gesellschaft sind Sie, sind wir, und die staatlichen Institutionen sind die Serviceeinrichtungen für ein gutes Zusammenleben, die wir mit unseren Steuergeldern bezahlen. 

Gut, dass Sie sich engagieren und der Staat nicht alles tun muss – auch weil er gar nicht alles, was Not tut, tun kann. Denn Gemeinsinn und gesellschaftliches Engagement ist der Kern von Demokratie und Menschsein.