SPD in der Krise? Nää! Politik geht langfristig und im Gespräch!
Wir analysiert eine SPD-Landtagsabgeordnete in Mecklenburg-Vorpommern die Situation ihrer Partei nach den Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz? Ich durfte dem NDR einen Einblick in meine politische Arbeit im Wahlkreis und meine Analyse der aktuellen Situation berichten.
Hier geht es zum ganzen Interview: NDR fragt Schröder zur SPD
Das Interview führte Markus Schubert.
Schubert: Über die Lage ihrer Partei im Bund und vor dem Landtagswahlkampf in Mecklenburg-Vorpommern habe ich am Nachmittag mit Anna-Konstanze Schröder gesprochen. Die gelernte Psychologin vertritt einen großen Landtagswahlkreis, der unter anderem die Städte Dargun und Demmin umfasst.
Sie haben die beiden Wahlen im Südwesten wie alle anderen auch beobachtet und haben die Reaktionen in Berlin gesehen bis zum heutigen großen Krisentreffen.
Ist jetzt der richtige Weg eingeschlagen oder haben Sie solche Situationen und Analysen einfach schon zu oft erlebt?
Schröder: Ich bin ja selber noch gar nicht so lange SPD-Mitglied. Ich finde das gerade ganz spannend, dass man irgendwo versucht, Verantwortlichen zu finden für Probleme, die - glaube ich - sehr komplex und sehr breit sind. Und deswegen finde ich es ganz spannend auch zu sagen: Wir lassen vielleicht jetzt die Personaldebatten erstmal nebenbei und gucken erstmal an welchen Schrauben man dann insgesamt noch so drehen kann.
Schubert: Die Reformvorschläge von Lars Klingbeil, mit denen er auf den politischen Markt getreten ist in dieser Woche, wird das den Wahlkampf im Sommer und Frühherbst beflügeln oder da ist das noch mal womöglich schweres Gepäck für Sie?
Schröder:
Naja, ich fand das waren jetzt nicht so viele neue Sachen, sondern es waren Positionen, die ganz klar die Positionen sind, die er wir auch schon öfter und lange fordern. Und die sind sicherlich Dinge auf die man sich berufen kann. Die Frage ist immer, was kommt für die Leute am Ende raus?
Was spüren die?
Aber dass sie zumindest sehen können, Sozialdemokraten setzen sich für Themen, die typisch sozialdemokratisch sind, ein, offen und lautstark. Das ist, denke ich, schon etwas was Gutes.
Schubert: Wie nehmen Sie den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen auch politischen Wandel in Mecklenburg-Vorpommern der vergangenen Jahre wahr? Und wie kann sich eine Partei mit der Geschichte der SPD daran anpassen oder eben auch gegensteuern?
Schröder: Also ich nehme wahr, dass die Leute das alles schlecht reden, wie sie leben, also in der Wahrnehmung. Also sie sagen immer: Deutschland fährt gegen die Wand. Und wenn man fragt: Wie geht es denn Dir? Dann sagen sie: Eigentlich sehr gut. Also diese Diskrepanz finde ich sehr schwierig auflösbar. Ich glaube, an der Stelle muss man miteinander reden und klarstellen:
An welcher Stelle ist denn genau das, was dir Sorgen macht und Angst macht?
Und mein Eindruck ist, dass die Leute sich das auch an ganz vielen Stellen einreden lassen. Vor allem so ältere Männer über 50 sagen mir ganz oft: "Das muss ja alles erstmal gegen die Wand fahren und wie es dann weitergeht ne das werde ich nicht mehr erleben, aber ihr macht das dann schon."
Also so ein Nach-mir-die-Sintflut-Gefühl. Das finde ich ausgesprochen herausfordernd und da weiß ich nicht, welcher Retter da kommen soll, um das gut zu machen.
Schubert: Sie bearbeiten das Thema ländlicher Raum im Landtag. Sie engagieren sich im Heimatverband Mecklenburg-Vorpommern bei der AWO, bei der Greifswalder Schiffergilde (Da geht's um maritime Traditionen). Sie haben natürlich ein Wahlkreisbüro, sind auf Social Media fleißig präsent. Sie machen eigentlich alles wie im Handbuch für die perfekte Sozialdemokratin. Ist es trotzdem schwerer geworden, Menschen zu erreichen und auch Vertrauen zu spüren?
Schröder: Nein. Also auf der einen Seite erlebe ich einfach so einen Grundfrust, also so ein Misstrauen; manchmal auch Gefühle von Verachtung, die mir entgegenschlagen gerade nach solchen Wahlen. Oder wenn ich jetzt an der Tankstelle bin und die Leute erkennen mich. Die gucken mich dann so wütend an.
Also da bin ich als Abgeordnete Blitzableiter.
Auf der anderen Seite muss ich auch sagen, also hier in der Gegend, wo ich aktiv bin, war es ja vor allem ein CDU-Wahlkreis über viele Jahrzehnte gewesen. Da war die SPD sowieso nicht der große Sieger und Gewinner. Wir waren hier immer ein Underdog.
Wenn man wohin wollte, musste man sich oft selber einladen. Das ist immernoch so. Hier war auch Jahre der Wahlkreis nicht besetzt und mein Eindruck ist schon, wenn man aktiv ist und unterwegs ist, dann ist SPD auch wieder für die Leute wahrnehmbar und ansprechbar.
Also wir sind hier auf 35.000 Einwohner 50 SPD-Mitglieder.
Es gibt sehr wenige Menschen, die wirklich einen Sozialdemokraten persönlich kennen. Die kennen SPD nur aus dem Fernsehen und machen sich dann so ihre Gedanken, wie das eben bei Lanz diskutiert wird oder bei anderen Fernsehsendungen. Aber aus persönlichen Kontakten kennen die Leute das nicht. Und da ist eher meine Eindruck, dass da wo man im Gespräch ist, wo man zuhört, wo die Leute auch mal ihre Sorgen äußern können, da geht es eigentlich gut.
Schubert: Und sagen Ihnen die Leute dann gelegentlich, zumindest was sie an der SPD vermissen, wo es stattdessen hingehen soll oder müssen Sie selbst erraten? Warum zum Beispiel Arbeiter sich für eine enthaltene Parteien entscheiden?
Schröder: Ja, das sagen die mir schon. Also wenn ich eine Veranstaltung anbiete, kommt meistens keiner.
Aber wenn ich hingehe, heißt es schon: "Na, hier, Frau Schröder, Sie von der SPD. Sie müssen jetzt was für die Rente tun. Ich mache mir Sorgen um die Zukunft meiner Kinder, ob sie noch Rente kriegen können." Oder: "Ihr müsst mal was mit den Ausländern machen. Wenn ihr euch da ein bisschen bewegt, dann seid ihr vielleicht wieder wählbar."
Also sie tragen im Prinzip ihre Wünsche schon an einen heran. Aber man kann ja als Sozialdemokratin auch nicht alle Positionen mit vertreten, wenn sie nicht ins eigene Profil passen. Aber das wäre ein Gesprächseinstieg. Damit kann man reden.
Aber es ist jetzt nicht so, dass mich jeder anspricht und sagt: Das müsst ihr jetzt so machen und das so. Weil ich finde, man muss auch nicht auf jeden hören.
Man muss es sich anhören und dann miteinander im Gespräch sein und erst mal rausfinden: Was ist dahinter? Also mir sagen auch manchmal Leute: Die da oben muss man ja alle erschießen. Also ich kann ja da nicht drauf eingehen.
Schubert: In Schwerin reagieren SPD und Linke. Das ist was anderes als die ungewollte große Koalition in Berlin. Man wird sagen können, viel linker kann man sich gar nicht aufstellen als Volkspartei. Oder heißt das, es wäre der Weg der SPD, den sie der Bundesspitze nahelegen können: Raus aus der gegenseitigen umklammerung mit der CDU und ein klarer wahrnehmbarer Kurs: "Wir sind links und unsere Partner sind links Punkt."?
Schröder: Also ich glaube, die Stärke von der SPD ist immer so einen Ausgleich zu schaffen zwischen Arbeitnehmerinteressen und Wirtschaftsinteressen. Und das machen wir hier im Land genauso wie auf der Bundesebene.
Und man muss dann eben mit dem jeweiligen Partner, den sich die Bürger wählen, eben den Weg finden, da Kompromisse zu finden und gute Lösungen für alle. Und muss das eben auch da miteinander aushandeln.
Also das ist eben auch so eine Herausforderung: Viele Leute erwarten ja einfach, dass die SPD dann alles so durchsetzt.
Das geht ja nicht. Also in der Koalition kann man eben seine Ideen einbringen. Und dann muss man sich einigen. Und dann spielt in der Politik immer auch die machtfrage eine Rolle. Wer hat mehr zu melden am Ende.
(Es gilt das gesprochene Wort.)